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Buchrezension des Monats

Diese Seite war ursprünglich meinen Kurzgeschichten und Gedichten gewidmet. Derzeit schreibe ich aber vor allem Buchrezensionen. Daher stelle ich nun jeden Monat ein meiner Meinung nach besonders interessantes, üblicherweise maximal zwei Monate zuvor erschienenes Buch vor - anhand einer von mir verfassten Rezension. Ältere Rezensionen werden in den Archiven zugänglich sein: Archiv 2005; Archiv 2006; Archiv 2007 . (Da diese Archive Teil meiner alten Homepage sind, kann es sein, dass einige Grafiken und Links nicht mehr funktionieren.)
Wer von Euch/Ihnen ein (einigermaßen aktuelles) außergewöhnliches Buch gelesen hat, kann mir gern eine Gastrezension zuschicken, die ich dann hier einstellen werde (Ablehnungen ohne Begründung behalte ich mir vor).
Hier finden Sie meinen Bericht über meinen Besuch auf der Frankfurter Buchmesse 2005 und 2007.

Link zu meinem a-Store (mit dem kompletten Amazon-Angebot und Empfehlungen aus den Top 100 von Amazon)


Aktuell:

Buch des Monats
Februar

Bernadette Gilbertas, Oliver Grunewald: Natur - Die Schönheit des Realen

Die Natur bietet dem Fotografen unzählige Motive von wunderbarer Schönheit; man muss sie nur finden und in einem günstigen Augenblick und aus der optimalen Perspektive abbilden. Der Fotograf Olivier Grunewald und die Journalistin und Geografin Bernadette Gilbertas haben sich auf das Entdecken von besonderen Naturschönheiten spezialisiert. Im vorliegenden Bildband präsentieren sie Höhepunkte ihrer gemeinsamen Arbeit: prachtvolle Fotografien und informative Texte sowie besinnliche Zitate aus dem Werk bekannter Dichter und Denker.

Die Kapitel sind aussagekräftig betitelt:

• Über die Beziehungen zwischen Mensch und Natur
• Die Natur – Quelle der Inspiration
• Die Angst vor der Natur
• Die beherrschte Natur
• Die Natur und die Harmonie der Welt

Jeder Abschnitt beginnt mit einem niveauvollen Text, der vor allem die Historie des Kapitelthemas betrachtet und somit aufzeigt, wie die Menschheit im Allgemeinen oder auch Abenteurer und Geistesgrößen sich mit den genannten Aspekten der Natur auseinandergesetzt haben und dies auch heute noch tun. Die Einbindung der Natur in Mythen und Kultur spielt ebenfalls eine wichtige Rolle.
Es schließen sich die Naturfotos an, viele von ihnen, wie bereits angeschnitten, begleitet von passenden Zitaten. Erläuterungen zu den Fotos findet man gesammelt auf je einer Doppelseite innerhalb der Kapitel.

Bereits vor dem Inhaltsverzeichnis findet der Betrachter und Leser einige spektakuläre Fotos, und die Begeisterung nimmt beim Weiterblättern nicht ab. Es ist nicht nur die ausgezeichnete Qualität der Fotos, die dazu einlädt, beim Ansehen der Bilder zu verweilen, sondern auch die durchdachte Präsentation. Ganz- oder doppelseitige Aufnahmen, die gestochen scharf wirken, sofern dem die Körnigkeit nicht entgegensteht, zeigen Ausschnitte aus beeindruckenden Landschaften oder einzelne Pflanzen, oft auch Tiere in ihrer natürlichen Umgebung. Wo sich ein kleineres Format anbietet, wird dieses eingesetzt – freilich nur vereinzelt.
Die Zitate sind so in die Präsentation eingebettet, dass sie diese auch optisch bereichern. Inhaltlich tun sie es allemal, von Homer über Schopenhauer, Baudelaire, Novalis und viele weitere Größen des 19. Jahrhunderts bis hin zu Sartre und anderen Zeitgenossen.
Dass die Angaben und Erläuterungen zu den Fotos nicht unmittelbar neben oder unter diesen abgedruckt sind, trägt ebenfalls zum harmonischen Eindruck bei; so kann man die Bilder in Ruhe auf sich wirken lassen. Da der Betrachter selbstverständlich an den Informationen zu den Bildern interessiert ist, sind diese in mehreren Übersichten zu finden. Verkleinerte Abbildungen der Fotos und präzise Angaben zum Ort der Aufnahme oder zur präsentierten Art sowie ergänzende Erläuterungen, etwa der den abgebildeten Phänomenen wie speziellen Vulkanismusformen zugrunde liegenden geophysikalischen Vorgänge oder besonderer Lebensumstände von außergewöhnlichen Tier- und Pflanzenspezies, bieten alle gewünschten Angaben.
Verblüffende Felsformationen, eine Giraffe, die das Trinken mit fröhlichem Prusten begleitet, gewaltige Blätterdächer und bunt blühende Steppen, Vulkane aller Art, Pinguine in ihrem eisigen Habitat: diese und viele weitere Motive, vom Fotografen auf faszinierende Weise in Szene gesetzt und von informativen und nachdenklich machenden Texten begleitet, begeistern immer wieder aufs Neue. Erfreulich wirkt zudem der sehr günstige Preis von nicht einmal zwanzig Euro, zumal auch an der Qualität des Papiers nicht gespart wurde und die gesamte Aufmachung hochwertig ist.
Ein beeindruckendes Buch, das jeden Naturfreund in seinen Bann ziehen wird!


Natur - Die Schönheit des Realen
Delius Klasing, 2009. 228 Seiten.





Die Rezension ist bei
Media-Mania.de erschienen und Eigentum dieser Online-Plattform; Wiedergabe hier mit freundlicher Genehmigung. Weitere Rezensionen zu den unterschiedlichsten Genres und Themen finden Sie dort!


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Buch des Monats Januar

Bernadette Boulard-Cordeau: Meine geheime Hexenküche

Vielen Wildkräutern, aber auch einigen Kulturpflanzen sowie tierischen Produkten werden traditionell Wirkungen auf Organismus und Psyche zugeschrieben. Frauen, die sich mit entsprechenden Anwendungen auskannten, gerieten in früheren Jahrhunderten schnell in den Ruf der Hexerei. Heute darf man ein Hexenkochbuch herausgeben, ohne zu riskieren, sich den Mund zu verbrennen oder gar verbrannt zu werden, insbesondere, wenn man es mit einem Augenzwinkern präsentiert wie die französische Autorin Brigitte Bulard-Cordeau.

In erster Linie handelt es sich beim vorliegenden Werk um ein Kochbuch mit Rezepten für jeden Anlass und Menüpunkt: Suppen, Vorspeisen und Salate, Hauptspeisen, Desserts und Gebäck, Essige, Öle und Würzsaucen, Marmeladen und Gelees sowie magische Getränke werden als Rezepte vorgestellt.
Wirken die Kategorien auch klassisch, so sieht es mit den Rezepten ganz anders aus. Hyazinthenblüten-Salat wird wohl kaum ein potenzieller Leser je versucht haben, ebenso wenig Suppe aus Radieschengrün, Frühlingsblütenbouillon (unter anderem mit Primel-, Veilchen-, Gänseblümchen- und Löwenzahnblüten), Wachtel-Honigkuchen-Kanapees mit Kirschsauce, Borretschpudding, Grießdessert mit Engelwurz, Mispelgelee oder Myrtenwein.
Nicht alle Rezeptbezeichnungen klingen so ungewohnt, doch vertraut anmutende Gerichte warten mit neuen Facetten auf. Entdeckerfreuden sind also Programm.

Schon der erste Kontakt mit diesem Buch macht neugierig. Einband und Innenleben, selbst die Textur des Papiers, sind so glaubwürdig “auf alt getrimmt“, dass man versucht ist, den leicht modrigen Geruch eines antiken Folianten zu erschnuppern, der dann aber doch fehlt.
Die ersten Seiten unterweisen den Hexenlehrling hinsichtlich der Eigenschaften und Handhabung von Heilpflanzen, wobei ausdrücklich auf geschützte Arten hingewiesen wird, und des Einsatzes von Wildpflanzen in der Küche. Auch den Giftpflanzen ist ein Kapitel gewidmet. Hinweise zum Einkaufen und ein Glossar schließen sich an.
Jedem der hundert Rezepte steht eine Doppelseite zu. Eine kleine Einführung gibt einen historischen Rückblick, der mit dem Gericht in Verbindung steht, oder weist auf erwiesene beziehungsweise traditionell überlieferte Wirkungen einer Zutat hin, insbesondere solche, die angehende Hexen kennen sollten, wenn sie einen männlichen Gast haben und die Beziehung zu ihm beeinflussen möchten, in welche Richtung auch immer – mittels Aphrodisiaka für ihn, sich selbst oder beide oder auch mittels “dämpfender“ Kräuter wie Dill und Wasserminze. Freilich enthalten diese Tipps immer einen ordentlichen Schuss Humor.
Es folgt das Rezept, gegliedert in Zutatenliste mit Angabe zu Personenzahl, Vorbereitungs- und Koch- oder Backzeit sowie das “Abrakadabra“, also das Prozedere in Form einer Schritt-für-Schritt-Anleitung, die weder magische Kräfte und schwarze Katzen noch viel Küchenerfahrung voraussetzt.
Die rechte Hälfte der Doppelseite enthält Informationen zum Gericht oder den Zutaten in den Rubriken “Kleine Hexenfibel“, “Wissenswertes“, “Wichtig!“ (hier geht es meistens um praktische Tipps zum Kochen) und “Serviervorschläge“. Diese Informationen werden charmant und unterhaltsam dargeboten.
Illustriert sind die Rezepte und Informationen mit allerlei alten Stichen, alten Fotos, Zeichnungen und originellen Collagen. Hier und da findet sich ein apartes “Trompe-l’oeil“, etwa aufgedruckte Lesebändchen, die so plastisch wirken, dass man der Versuchung nicht widerstehen kann, sie zu berühren. Nicht nur das Lesen, sondern auch das Betrachten bereitet Vergnügen.
Die Rezepte, in denen häufig bei uns selten verwendete, aber wohlschmeckende Wildkräuter und Blumen mit geschmacklicher und Dekorationsfunktion anzutreffen sind, stehen für leckere und zum Teil wirklich anspruchsvolle, edle Gerichte – ob die Hexe in spe nun tatsächlich ihren Liebsten ganz für sich einnehmen oder anderweitig beeinflussen oder ihm und sich und vielleicht auch der ganzen Familie oder Freunden einfach ein wunderbares Menü gönnen möchte. Gesund und köstlich sind die Gerichte allemal.
Wer freilich die Zutaten in freier Natur sammeln möchte und wenig an Botanikkenntnissen mitbringt, sollte einen entsprechenden Naturführer besitzen; Rezensionen hierzu findet man übrigens ebenfalls auf Media-Mania.de. Die Zeichnungen im Buch sind letztlich doch eher dekorativ, und statt Frauenmantel ist zu einem Rezept Taubnessel abgebildet. Ein wenig makaber mutet es an, dass in mindestens zwei Rezepten “Milchpulver aus dem Asia-Laden“ als Zutat angeboten wird – nach dem Melamin-Skandal in China 2008 verzichten vielleicht auch Hexen ganz gern darauf.
Da aber das Buch ansonsten inhaltlich auf derart ausgefallene Weise informativ, nützlich und unterhaltsam ist und auch bezüglich seines Layouts und der gesamten Aufmachung zu den schönsten Büchern gehört, die der Rezensentin je begegnet sind, verdient es die Bestwertung.
Ob sich die vorgestellten Gerichte tatsächlich in der genannten Weise auf Liebesleben und Gesundheit auswirken? Die Rezensentin genießt und schweigt.


Meine geheime Hexenküche
Gerstenberg, 2008. 231 Seiten.





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Buch des Monats Dezember

Norbert Pautner, Wolfgang Kunth, Heike Barnitzke, Michael Elser, Gesa Bock, Ursula Klocker, Dirk Brietzke, Michael Kaiser: Die Erde - Großer Atlas der Welt


Viele Atlanten teilen sich den Markt, und die Ansprüche an einen guten Atlas sind höher geworden: kein Wunder angesichts der durch Satellitenunterstützung gewonnenen Daten und Bilder und der vielen Informationen, die dank der digitalen Vernetzung zur Verfügung stehen. Dieser Herausforderung stellt sich der Weltatlas aus dem Kunth-Verlag.
Nach einigen doppelseitigen Satellitenbildern beginnt der eigentliche Atlas. Zunächst geht es darin um die Erde als Ganzes. Auf eine physische Karte folgen Erläuterungen zu den Mechanismen, die die Erde gestalten, und zu den Vegetationszonen.
Es schließen sich die Kapitel zu den einzelnen Kontinenten an. Zu Beginn der Kapitel findet man eine physische und eine politische Karte, danach Erläuterungen zu den auf dem jeweiligen Kontinent anzutreffenden Naturlandschaften und ein Spezial über sein bedeutendstes Gebirge beziehungsweise, im Afrika-Kapitel, über die Sahara. Im Anschluss bietet der Atlas das Kartenmaterial, geordnet von Nord nach Süd beziehungsweise West nach Ost. Das Kapitel zur Antarktis ist zwangsläufig ein wenig anders gestaltet.
Ein Abschnitt befasst sich mit den Ozeanen als Lebensräumen und aus geologischer Sicht. Auch hierzu werden physische Karten angeboten.
Im letzten Kapitel geht es um die Länder der Erde. Auf ein Verzeichnis der internationalen Staatennamen folgt ein lexikalischer Abschnitt, in dem die Länder mit Angaben zu Fläche, Bevölkerung, Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, Hauptstadt, Staatsform, Sprache und Währung sowie detaillierter bezüglich ihres Naturraumes, ihrer Politik und ihrer Wirtschaft vorgestellt werden.
Eine Anleitung zum Gebrauch und das Register schließen den Atlas ab.

Schon beim ersten Blick in das Buch faszinieren die großformatigen Satellitenaufnahmen von beeindruckenden Erdgegenden, zum Beispiel des rauchenden, verschneiten Ätna oder mehrerer Gletscher in Alaska. Mehrere Seiten sind der Zeichenerklärung gewidmet, denn der Atlas will möglichst viele Informationen vermitteln. Hierzu gehören klassische Kartenelemente wie Höhen- und Tiefenstufen von Land und Meer, Gewässerarten, Landschaftsrelief, Grenzen, Verkehrswege und Kennzeichnungen durch unterschiedliche Schriften, aber auch eine Fülle von individuellen Piktogrammen mit touristischen Informationen, etwa Reiserouten, Anerkennung als UNESCO-Weltnatur- oder –kulturerbe, geologische Sehenswürdigkeiten, Natur- und Nationalparks, Reservate, unterschiedlichste Kulturdenkmäler und sonstige historische Stätten und Sehenswürdigkeiten, Festivals, verschiedene Sport- und Freizeitangebote, Kurmöglichkeiten und vieles mehr.
Was verwirrend klingt, erweist sich in der Praxis als gut handhabbar, denn zum einen kann man ein nicht vertrautes Piktogramm rasch nachschlagen, und zum anderen erklären diese sich üblicherweise selbst. Auch historische Routen wie die Seidenstraße sind eingetragen.
Die umfangreichen Informationen zu den verschiedenen Naturräumen und die “Spezials“, die den Karten zu den Kontinenten jeweils vorausgehen, wirken zwar inhaltlich dicht, sind jedoch trotzdem von lesefreundlichem Stil und dazu reich bebildert. Das Kartenmaterial ist aktuell, farblich ansprechend gestaltet, übersichtlich trotz der zahlreichen durch die erwähnten Piktogramme repräsentierten Informationen und von angenehm großem Maßstab: Europa wird 1:2,5 Millionen abgebildet, die anderen Kontinente 1:4,5 Millionen. Nord- und Mittelamerika werden von Südamerika getrennt behandelt.
Auch die Angaben zu den einzelnen Ländern sind, soweit im Rahmen einer Rezension nachprüfbar, aktuell (Stand Ende 2008) und ebenfalls großzügig illustriert.
Fotos wie Karten sind von bester technischer Qualität, und die Fotos ergänzen die einzelnen Beiträge vorzüglich.
Der Preis für diesen so schönen wie informativen und nützlichen Atlas wirkt erfreulich moderat, deshalb kann das Werk auch aus dieser Hinsicht bestens empfohlen werden.


Die Erde - Großer Atlas der Welt
Kunth, 2008. 448 Seiten.





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Buch des Monats Febuar

Marc Helsen: Road to Nowhere - Eine Reise in die vergessenen Länder der Welt


Es gibt Länder, die völlig aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwunden sind, obwohl in ihnen seit vielen Jahren verheerende Zustände, oft auch Bürgerkriege herrschen. Das Außenministerium warnt vor Reisen in diese Länder, aber es würde sich ohnehin kaum jemand für eine Reise dorthin interessieren.
“Die vergessenen Länder“ nennt der belgische Journalist Marc Helsen solche Länder. Die meisten von ihnen liegen in Afrika, doch auch Südamerika und Asien haben solche wenig attraktiven Reiseziele zu bieten.
Mithilfe von “Ärzte ohne Grenzen“, denen er häufig bei der Arbeit zugeschaut hat, ist Helsen 2006 durch den Kongo, Uganda, Somalia, den Tschad, Haiti, Kolumbien, Armenien, Inguschetien, Bangladesch, Pakistan (Kaschmir) und Afghanistan gereist: oft unter Lebensgefahr und unter für Europäer unglaublichen Bedingungen.
Gerade die genannten afrikanischen Länder ertrinken zum Teil in Flüchtlingsströmen, die sie in einigen Fällen selbst ausgelöst haben. Im Kongo wird die Zivilbevölkerung der Provinz Katanga zwischen mordenden, vergewaltigenden, folternden und plündernden Rebellen und der mit denselben Methoden “arbeitenden“ Armee aufgerieben. Somalia ist Tummelplatz etlicher Warlords, die sich hinter Demarkationslinien ähnlich der früheren deutsch-deutschen Grenze verschanzen. Die Flüchtlinge im Tschad kommen aus dem Sudan und gehören demselben Stamm an wie die Einheimischen in der Gegend mit den großen Flüchtlingslagern; ihre Frauen werden von den Ortsansässigen vergewaltigt, wenn sie Brennholz suchen gehen, weil die Einheimischen inzwischen selbst im Elend versinken.
Kaum weniger verheerend wirken die Zustände in Haiti, wo wenige Schwerreiche und eine überwältigende Mehrheit von Slumbewohnern leben. Von Kolumbien hat der Leser vielleicht mehr gehört, wird sich jedoch ebenfalls über manche Hintergrundinformation und etliche Einzelschicksale wundern – beziehungsweise entsetzt sein.
Während der Leser mit Armenien und Inguschetien wenig vertraut sein dürfte, erscheinen Bangladesch, Pakistan und Afghanistan häufiger in den Medien. Helsens Reisebericht bietet jedoch eine sehr differenzierte Sicht auf diese Länder, die der Europäer generell mit einer stark von Vorurteilen getönten Brille betrachtet.

Das Afrika, dem Helsen begegnet, zeichnet sich durch zwei widersprüchliche Eigenschaften aus: unvorstellbares Elend und Menschen mit entwaffnender Freundlichkeit. Selbst verhungernde Flüchtlinge lächeln dem fremden Gast aufrichtig entgegen, während sie ihre karge Ration an Maniokabfällen zubereiten. In Ländern, in denen auf brutalste Weise Kindersoldaten rekrutiert werden, wird in den Flüchtlingslagern wacker weiter Schulunterricht erteilt, obwohl Bücher, Tische und sonstige Ausrüstung zumeist von der Armee gestohlen wurden.
Das Entsetzen, dem Helsen begegnet, ist kaum beschreibbar. Beschnittene Frauen sterben wie die Fliegen bei der Geburt ihrer Kinder, die nicht selten Vergewaltigungen entstammen. Und Kinder werden erst zu den Krankenstationen der “Ärzte ohne Grenzen“ gebracht, nachdem Stammesheiler sie erfolglos mit glühenden Nägeln malträtiert haben.
Relativ nüchtern, wie es einem seriös arbeitenden Journalisten gebührt, berichtet Helsen von seinen Reisen, doch Anteilnahme schwingt schon aufgrund seines Interesses an Einzelschicksalen immer durch. Der Autor schildert freilich nicht nur seine Begegnungen mit einer Vielzahl an Menschen, die ihm trotz ihrer bitteren Armut und seines Status als reicher Weißer mit Gastfreundschaft und großer Offenheit begegnen, und die alltägliche Arbeit der “Ärzte ohne Grenzen“, sondern auch abenteuerliche Kleinbusfahrten auf engen Bergstraßen in Afghanistan, Erwerbsquellen aller Art, etwa den Mohn- und Hanfanbau in Afghanistan, wo er sich auch an gefährliche Plätze wagt und dort immer wieder Menschen antrifft, die trotz ihrer Lage zwischen allen Fronten, mittellos und ohne funktionierendes Gesundheitssystem, irgendwie existieren.
Helsen weiß auf diese Menschen zuzugehen, wobei ihm auch die Unterstützung durch die überall hoch angesehenen “Ärzte ohne Grenzen“-Mitarbeiter entgegenkommt, und ihnen interessante und brisante Auskünfte über die Politik ihres jeweiligen Landes zu entlocken, die in den meisten Fällen ein trostloses Bild liefern, insbesondere in Afrika und Haiti. Vor allem zeigt sich, wie falsch Entwicklungshilfe oft eingesetzt wird, sofern die Gelder nicht ohnehin im Säckel lokaler Machthaber verschwinden: Gehen die NGOs schließlich aus dem Land, so enden die von ihnen installierten teuren Geräte mangels fachkundiger Wartung und Ersatzteilen in kürzester Zeit als nutzloser Schrott.
Der Autor ist auch ein begnadeter Fotograf. Seine Aufnahmen porträtieren einfache Menschen in einer Weise, dass ihre Würde trotz ihrer elenden Umstände sichtbar wird, wenn sie noch existiert. Und er weiß die vielen bizarren Szenen einzufangen, in denen Ruinen, Panzerwracks und dürftige Flüchtlingslager inmitten einer eigentlich ganz wunderbaren Landschaft von den abscheulichsten menschlichen Machenschaften zeugen. Die Druckqualität reicht leider nicht an die künstlerische Qualität heran.
Dieses Buch ist ein wirklich außergewöhnlicher Reiseführer, den jeder politisch Interessierte kennen sollte. Denn die darin vorgestellten Länder, vor allem aber die dort lebenden Menschen, haben das Vergessen nicht verdient.




Road to Nowhere - Eine Reise in die vergessenen Länder der Welt
Kunth, 2007. 432 Seiten.





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Buch des Monats
Januar

Franceso Tiradritti: Ägyptische Wandmalerei

Die altägyptische Kunst besitzt eine so starke Ausdruckskraft, dass sie fast jeden Betrachter ihren Bann zieht. Abgesehen von der geschickten Auswahl der Motive und der detailgenauen, geschmackvollen und eleganten Ausführung verwundert den heutigen Kunstfreund auch das technische Wissen der Künstler, deren verschiedene Pigmente genau kalkulierte Effekte erzielen und nach Jahrtausenden meist noch so frisch und leuchtend erscheinen, als seien sie erst vor kurzer Zeit aufgetragen worden.
Das alte Ägypten bietet einen sehr reichen Schatz an Kunstformen; nach Wissen der Rezensentin ist derzeit jedoch außer dem vorliegenden kein Buch verfügbar, das sich ausschließlich den Wandmalereien widmet. Der prachtvolle Band richtet sich grundsätzlich an der Chronologie aus, er bietet allerdings zu Anfang einige Kapitel über die Hintergründe der altägyptischen Kunst, die sich bei der nachfolgenden Lektüre als sehr hilfreich erweisen. Darin geht es um die den verschiedenen Kunstformen der Ägypter zugrunde liegenden Prinzipien, etwa bei der Gestaltung von Figuren und bezüglich der Zusammenhänge zwischen Hieroglyphen und Bildern. Zum Verständnis der altägyptischen Kunst tragen auch die Ausführungen zu Farbverständnis und –symbolik jener Kultur bei. Ein ausführlicher Abschnitt widmet sich der Technik etwa zum Abbinden des Putzes, zur Herstellung und Handhabung der Pigmente, zur Erstellung und Übertragung von Vorzeichnungen, zu den eingesetzten Bindemitteln und Firnissen.
Auf diese Hintergrundinformationen folgen Erläuterungen über die Kunst der einzelnen altägyptischen Epochen; in entsprechende Abschnitte ist das Buch unterteilt: Ur- und Frühgeschichte, Das Alte Reich, Die Erste Zwischenzeit, Das Mittlere Reich, Das Neue Reich.

Diese Phasen werden anhand von Funden betrachtet, die entweder charakteristisch für die jeweilige Epoche sind oder aber Außergewöhnliches zu bieten haben. Der Autor beweist eine bemerkenswerte Fähigkeit dafür, einerseits allgemeingültige Grundlagen interessant und detailliert zu vermitteln und andererseits das Besondere in faszinierender Weise hervorzuheben, etwa die “Gänse von Meidum“, eigentlich nur ein Ausschnitt aus einer größeren ländlichen Szene, der aber zeitlos schön ist und vorzüglich dokumentiert, wie die altägyptischen Künstler zwar grundsätzlich Symmetrien bevorzugten, immer jedoch auch kleine Brüche einbezogen – in diesem Fall tragen zwei der sechs Gänse eine andere Gefiederzeichnung als der Rest der Gruppe. Bisweilen, etwa bei der Darstellung eines Frauenbanketts im Grab des Rechmire, lenkt Tiradritti den Blick des Lesers auf eine einzige, in köstlicher Weise entgegen der Norm gearbeitete Figur, die fast einer kleinen Revolution gleichkommt.
Der Autor versteht es zudem, die Entwicklung der altägyptischen Kunst darzustellen, die für den ungeschulten Betrachter kaum erkenntlich ist, stand die Kunst doch überwiegend in einem sakralen Kontext und war damit festen Regeln unterworfen. Dennoch zeigen sich Veränderungen im Laufe der Zeit, etwa bezüglich der menschlichen Gestalt mit meist lang gestreckten, zwischenzeitlich jedoch rundlicheren Formen. Immer wird auch die angewandte Technik geschildert, die ein Verständnis der Arbeitsweise altägyptischer Künstler vermittelt.
Die Darstellung der Kunstgeschichte Ägyptens ist in diesem Buch eng mit der politischen Geschichte verflochten, was angesichts der religiösen Bedeutung der Kunst und des Stellenwerts der Religion in der Politik Sinn ergibt und Brüche in der Kunst ihren politisch-religiösen Ursachen zuweist, etwa die Amarna-Zeit Echnatons betreffend. Eine Zeittafel am Ende des Buchs ermöglicht darüber hinaus die präzise Einordnung der einzelnen Kapitel in den Kontext der ägyptischen Geschichte.
Im Buch alternieren längere Abschnitte, die vor allem der Information dienen und viele kleinere Abbildungen enthalten, mit Blöcken, die ausschließlich aus ganzseitigen, sich häufig auch über eine Doppelseite erstreckenden Illustrationen bestehen. Angesichts des ohnehin üppigen Buchformats handelt es sich dabei um einen wunderbaren Luxus, besonders bei Detailaufnahmen, die einen präzisen Blick auf die Technik der Künstler ermöglichen. Die großformatigen Gesamtaufnahmen lassen sowohl das Erfassen der dargestellten Szenen als auch relevanter Einzelheiten zu, sodass sich dem Betrachter die Qualität der Bilder unmittelbar erschließt. Viele dieser Bilder dürften übrigens auch versierte Freunde der ägyptischen Kunst noch nicht gesehen haben.
Die Blöcke mit den großformatigen Illustrationen bestehen aus geringfügig rauerem Papier als die Textblöcke, sodass die wundervollen Farben nicht durch Reflexionseffekte verfälscht werden und dem Betrachter in ihrer ganzen Schönheit zur Verfügung stehen. Dass sowohl die Reproduktionen der Kunstwerke als auch das Material, der Inhalt der Texte und die gesamte Aufmachung von bester Qualität sind, darf man angesichts des nicht geringen Preises erwarten – eine Erwartung, die sich erfüllt. Das Buch wird in einem stabilen, hochwertig gearbeiteten Schuber geliefert und ist ein Schmuckstück für das Bücherregal jedes Kunstfreundes. Allerdings wäre es schade, wenn das Werk nur zur Repräsentation diente: Sowohl die Texte, die Kunstverständnis, künstlerische Techniken und Kunstgeschichte der faszinierenden Hochkultur am Nil anhand vieler typischer und ungewöhnlicher Beispiele erläutern, als auch die besonders hochwertigen Abbildungen machen die Lektüre und Betrachtung zu einem wahren Genuss.



Ägyptische Wandmalerei
Hirmer, 2007. 392 Seiten.





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